Mai 19, 2009...12:59

Weltrekord gebrochen: Gonzales berserkert über 27 Stunden am Klavier

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Gonzales World Record 178Paris – Am Anfang steht die Frage, ob 24 Müsliriegel, vier Dosen eines angeblich beflügelnden Energietrunks und kiloweise Kekse ausreichen, um in voraussichtlichen 27 Stunden rund 300 Musikstücken zu lauschen und nach 44 Stunden des Wachens sowie sechs Stunden Schlaf das Gewesene in Worte zu fassen. Es hat gereicht. Ein Erfahrungsbericht vom Weltrekord des längsten Konzerts eines Einzelkünstlers aus Paris.

Gonzales, franko-kanadischer Pianist und Produzent von Künstlern wie Feist oder Jane Birkin, hat sich ab der ersten Stunden des vergangenen Sonntags, 17. Mai, viel vorgenommen: Er will ins „Guinness Buch der Rekorde“. Dazu muss er mindestens 26 Stunden und 12 Minuten ununterbrochen Klavier spielen – mit Ausnahme von fünf Minuten pro Stunde, die er beliebig kumulieren kann sowie 30 Sekunden zwischen den einzelnen Stücken. Ein Inder hat den Rekord vorgelegt. An der Zither. Ein Duell mit Waffen, die verschiedener kaum sein könnten: yogische Meditationsmusik gegen infernale Ganzkörperklavierkunst. Vorbereitet hat er sich nicht, behauptet der Rekordjäger, welcher mit bürgerlichem Namen Jason Beck heißt: „Ich habe keinen Sport gemacht, nicht mit dem Rauchen aufgehört und weiter meine geliebte Schinken-Parmesan-Pizza und Schokoriegel gegessen.“ Wie und ob er den Versuch durchhalten wird – bei Gonzales ist alles möglich. Bekannt für Auftritte, die zwischen Genie, Wahnsinn, Besessenheit und Entertainment changieren, abwechselnd gehüllt in das schillernde Gewand der egomanischen Bühnendiva und die Kutte der Bescheidenheit, dürfen die Zuschauer alles erwarten, nur nicht das Erwartete.

Bei mir jedenfalls hängt die Müdigkeit schon bevor das Unterfangen begonnen hat, wie Sträflingskugeln an den Gliedern. Es ist Samstagabend, eine dreiviertel Stunde bis Mitternacht. Noch wuseln zahlreiche Helfer durch das Cine 13, einem ehemaligen Theater am Montmartre-Hügel, das Pate für einige der gängigsten Paris-Romantikklischees stehen könnte. Die Mitarbeiter von France 3, welche Gonzales gleich eine ganze Dokumentation widmen werden und des Internet-Filmteams, das für den Livestream im Netz verantwortlich ist, verlegen Kabel, schleppen Podeste und prüfen noch ein letztes Mal das Licht. „Es begann alles mit einem Witz von Gonzo und jetzt ist diese große Sache daraus geworden“, seufzt eine Assistentin des Künstlers als sie den Guinness-Offiziellen die Treppe hinab geleitet. Ich sitze auf den Stufen zum Veranstaltungsaal und immer noch hämmert das große Wie in meinem Kopf. Unter normalen Umständen würde ich nach dem warmen Ziegenkäse und Crêpe, das ich zuvor in einem lauschigen Bistro mit dem Weg weisenden Namen „Le Troubadour“ genossen habe, um die Zeit zwischen Ankunft und Beginn zu überbrücken, geradewegs ins Bett wandeln. 27 Stunden noch also. Heute wird sich zeigen, ob die mehrfach etwas unbedacht dahin geschwärmte Aussage, Gonzales könne ich eine Ewigkeit zuhören, die Transformation in die Realität übersteht. Wird mir mein Lieblingskünstler am Ende zum Folterknecht, dessen Kneifzange die Dauerbeschallung ist? Harmlos und beschwingt sieht er jedenfalls aus, als er im Jogginganzug und mit Stirnband die Treppen hinab tänzelnd einläuft, durch die Wartenden hindurch und vom Filmteam verfolgt.

Magische Morgentoilette bringt Energie zurück

Dann der erste Akkord, in erbaulichem Dur wie Durchhalten. Ich lümmle mittlerweile in einem der roten Sofas, das mein Lebensraum für mehr als einen Tag sein soll.  „Can I really do this?“, singt Gonzales scheinzweifelnd im schwarzen Bademantel, seinem Lieblingsbühnenaccessoire. Die meerfarbenen aus dem scharf konturierten Gesicht schillernden und zu den dunklen Gelwellen kontrastierenden Augen blitzen dabei wach ins 120-köpfige Publikum und strahlen nur eine Botschaft aus: „Ich meine es ernst!“ So wie vier der Zuschauer, die außer mir ebenfalls mit einem der „Crazy Person Tickets“ (O-Ton Gonzales) ausgestattet sind und das komplette Experiment durchhalten wollen. Die übrigen Anwesenden gehören zur ersten Truppe wechselnder Statisten, die zum größten Teil während einer von insgesamt neun je dreistündigen Tranchen dabei sind. Ausstaffiert ist jeder mit einem Regelheft und einer Liste von 200 Songs, ein Querschnitt durch Klassik, Jazz, Pop und Rock. Durch Zuruf metamorphiert Gonzales zur Jukebox und improvisiert über Chopin, Prince oder The Clash („London Calling“ in b-moll). Da walzert „Ode an die Freude“ im Dreivierteltakt, wird dank des Großvaters, einem „antisemitischen Juden“, der Jazz als „Musik des Teufels“ bezeichnet habe, Wagners „Walküre“ zur schmissigen Jazznummer und verschmelzen Clubhits der Elektroniker Justice und Daft Punkt zur Sonate – zumindest während der ersten neun Stunden. Interagierte und humorisierte der Pianodiabolo die ersten drei  Teile hindurch noch munter, fällt er mit jeder weiteren Ziffer, welche die überdimensionale Digitaluhr gegen die nächsthöhere austauscht, zunehmend in Trance, scheint Teil des Klaviers zu werden, einem Perpetuum Mobile, dessen Motor Ehrgeiz und Schmieröl Stoik heißt. Vielleicht ist er genervt davon, dass das französische Publikum am liebsten nur Blondie und Daft Punk hören will.

Doch bis dahin sind sämtliche Tranchen in gewohnter Gonzales-Manier mit komischen und ironischen, geplanten Momenten gespickt. Künstlerfreunde besuchen ihren Kumpan auf der Bühne, Teki Latex etwa serviert seinem mittlerweile Pyjama und Schlafmütze tragenden Musikerkollegen im Bademantel gegen halb sieben Frühstückszerealien, welche dieser auf der Tastatur platziert und einhändig, parlierend, dabei immer fortspielend genießt. Auch für mich ist Frühstückszeit. Die Pause zwischen Tranche zwei und drei nutze ich, mir ein Croissant und Kaffee an der Bar zu besorgen. Mit den Mitstreitern Guillaume und Eline führe ich ohnehin schon eine rege Lebensmittelbörse über die Sofalehne hinweg, tausche Müsliregel gegen Getränkeflaschen oder Traubenzucker gegen Kekse. Beide sind aus Bewunderung für Gonzales gekommen und wirken aufgekratzt. Gegen drei waren beider Köpfe noch in Richtung Brust gesunken, wie bei so vielen. Als der Sitznachbar außer Takt schnarcht, beendet ein Schienbeintritt Gerassel und Geschepper. Ich selbst habe beschlossen, die Augen erst zu schließen, sobald eine Hotelmatratze unter mir liegt.

Dass die Phase zwischen 6 und 9 Uhr Sonntagmorgen zum Highlight wird, mag wohl daran liegen, dass um diese Zeit vor allem eingefleischte Anhänger den Weg durch den Regen gefunden haben. Gonzo hat seine eigene, gesungen vorgetragene Theorie: „Did you come from a party? Or an exhibition that was kind of arty?“ Vielleicht liegt es auch an des Meisters Haus- und Hof-Friseur, Sebastien, der seinem Stammkunden mit viel Verve die Lockenpracht sowie ausladenden Koteletten zähmt und nach einer klassischen Rasur seine Aufgabe auch darin sieht, sich um den inneren Teil des Kopfes zu kümmern. Mit Goldzylinder derwischt er Luftschlangen werfend über die Bühne, bringt das Publikum zum Beben und Gonzales zurück in seine mentale Anfangsverfassung.

Strahlend wie das hohe C

Kurz darauf erste Zweifel, ob das Vorhaben tatsächlich im Erfolg mündet: Der rechte Arm schmerzt, das Publikum ab 9.45 Uhr ist in sonntäglicher Klassikfrühstückstimmung. Im fünften Durchgang gibt Gonzales nochmal alles. In mintfarbener Krawatten-Pullover-Kirchgang-Kombination bringt er mit seiner „Don’t Let Me Be Misunderstood“-Variation das Klavier zum Wackeln. Kurz vor 14 Uhr baut eine junge Journalistin ihre Kamera auf der Bühne auf. Live-Interview mit dem Rekordaspiranten. Die Arme hätte sich die Eingangsfrage besser überlegen sollen. Die übergroße Stoppuhr im Rücken provoziert die Frage nach der bisherigen Dauer der Veranstaltung des Künstlers Spott hervor. Mit gesungenen Antworten à la „Die Uhr ist mein Freund, die Uhr ist mein Feind, die Uhr ist mein Ein und Alles“ vergrault er die sichtlich erboste Dame, um danach mit extra viel Gefühl seine Version des Hauptthemas von Beethovens Siebter Sinfonie in die Tasten zu hauen. Danach Erschöpfung. Der Arm scheint zu peinigen, der Schweiß ein einziger Strom, der sich seinen Weg von der Stirn über die markante Nase sucht. Erst Arielle Dombasle, in Frankreich ein Star, vertreibt die Lethargie, indem sie „Somewhere Over The Rainbow“ gestikuliert. Singen darf sie nicht, das verbieten die Guinness-Regeln.

Ab 15 Uhr werden die Abstände zwischen den Pausen kürzer. Um 16.15 Uhr öffne ich den ersten Energietrunk, teile ihn mit Guillaume und Eline. Auch die frischen Kleider, die ich mir gerade gegönnt habe, tun ihr übriges, genau wie die sauerstoffreiche Luft in der Pause und vor allem: Licht. Es gleißt und brennt in den Augen. Um uns die Hektik des Montmartre-Viertels und touristischer Trubel. Ich fühle mich überfordert und flüchte in die Zeitblase zurück. Hier gibt es nur das Jetzt. Und das hört sich immer noch wunderbar an. Auch wenn Gonzales zunehmend abgekämpft aussieht, büßt sein Spiel nichts an Qualität ein. Zwischendurch wird die Uhr dann doch zum Feind. Allerdings nur der Müdigkeit wegen. Als die Uhr auf 18 steht, ist der Kampf gegen die Bleilider unerträglich. Aber ich halte durch. Noch acht oder neun Stunden, in Tickets ausgedrückt: Nur noch zwei Tickets – von neun! Statt Erleichterung erfüllt mich Bedauern. Ich kann mittlerweile kaum noch schreiben, Eintrag um 23 Uhr: „Kopf schwer, fällt in Nacken. Aber : Augen offen!“ Endgültig und nachhaltig kommt der Kreislauf nach Mitternacht in Schwung: 24 Stunden liegen hinter uns! Als die Uhr 24 Stunden und 27 Minuten anzeigt, der Guinness-Offizielle wieder die Bühne betritt und Gonzo „Hit The Road Jack“ auf den Tasten triumphiert, wird fühlbar, dass die Vergangenheit näher schleicht.

Doch zurück in die Gegenwart, der Höhepunkt steht bevor. Euphorischer Jubel bricht los, Konfetti fliegt, der Saal tanzt als Gonzales tatsächlich die Rekordmarke überspielt. Noch fast eine Stunde wird er das Klavier weiter bearbeiten, getragen von der frenetischen Stimmung und dem prickelnden Schaudern des Erfolgs. Nach 27 Stunden, drei Minuten und 44 Sekunden verklingt der letzte Ton. Um halb vier hält Gonzales, strahlend wie das hohe C selbst, seine Urkunde in Händen, es ist offiziell: Den Weltrekord im längsten Konzert eines Einzelkünstlers hält Gonzales. Für mich fällt der Vorhang gegen fünf Uhr. Nach 44 Stunden ohne Schlaf, mit wenig Lebensmitteln, kaum Licht und Luft, aber im Zustand absoluter Glückseligkeit. Musik scheint tatsächlich des Lebens Nahrung zu sein und wenn es nach mir ginge, hätte er tatsächlich bis in alle Ewigkeit weiterspielen können.

2 Kommentare

  • super – vielen Dank – als wär man dabei gewesen :)

  • Hi,
    ja wirklich ein toller Bericht. Bin auch ein Gonzales Fan, jedenfalls, was die CD „Solo Piano“ angeht, über die anderen Scheiben bin ich eher unschlüssig. Schade, wäre gern dabei gewesen, allerdings habe ich mir die Videos auf dieser Streaming Website angesehen.


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